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Der unterschätzte Luxus: Jemand, der wirklich zuhört

Autorin Anja Schauberger fragt in ihrem neuen Buch, warum uns Zuhören so schwerfällt. Zwei Südtiroler Gastgeber erzählen, warum genau diese Fähigkeit für sie zum Alltag gehört.

(c) Pension Leuchtenburg, Gastgeber Kat & Jan (v.l.n.r.)
(c) Pension Leuchtenburg

München, 14. Oktober 2026 Wann hat uns eigentlich zuletzt jemand wirklich zugehört? Ohne aufs Handy zu schauen. Ohne bereits die eigene Antwort im Kopf zu formulieren. Ohne nur darauf zu warten, selbst wieder an der Reihe zu sein.

Anja Schauberger, die als Journalistin beruflich seit Jahren Gespräche führt, war überzeugt davon, eine gute Zuhörerin zu sein – bis ihr Freund ihr das Gegenteil vorwarf. Der Moment wurde zum Ausgangspunkt für ihr Buch „Besser zuhören – Warum eine scheinbar einfache Sache doch so schwer ist“, das im Juni 2026 bei Rowohlt Polaris erschienen ist. Darin fragt sie, warum uns eine der selbstverständlichsten Formen menschlicher Kommunikation zunehmend schwerfällt – und was passiert, wenn wir unserem Gegenüber wieder echte Aufmerksamkeit schenken. Dass Zuhören weit mehr ist als eine private Tugend, zeigt sich für Schauberger besonders dort, wo Menschen täglich mit Menschen arbeiten: „Zuhören ist eine oft unterschätzte Aufgabe in Serviceberufen wie der Hotellerie. Ich habe für mein Buch unter anderem einen Barkeeper interviewt, der in einem Münchner Luxushotel täglich Emotionsarbeit leistet.“ Kaum ein Beruf lebt schließlich so sehr davon, Zwischentöne wahrzunehmen wie der des Gastgebers. Und vielleicht gilt das ganz besonders für Häuser, in denen seit Generationen Menschen ein- und ausgehen. Die Pension Leuchtenburg und die Mitglieder der Hotelgruppe Historic South Tyrol stehen für historische Häuser und eine über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte gewachsene Gastgebertradition. Denn ihre Geschichten stecken nicht nur in alten Mauern und Archiven, sondern entstehen bis heute jeden Tag aufs Neue – durch die Menschen, die kommen, erzählen und jemanden finden, der ihnen zuhört. Kat Sparer, Gastgeberin in der Pension Leuchtenburg am Kalterer See schätzt, dass ihr Job zu mindestens 55 Prozent aus Zuhören besteht. Schließlich seien da nicht nur die Gäste: „Den Mitarbeitern muss man ja auch noch zuhören“, sagt sie lachend.

Florian Ellmenreich, Gastgeber im Hotel Adria

Bei Florian Ellmenreich, Direktor des Historic South Tyrol Hotels Adria in Meran, sind es sogar geschätzte 60 Prozent: „Der Rest ist Erfahrung. Denn wer lange genug zuhört, weiß irgendwann schon vorher, was ein Gast gleich sagen wird – oder eben nicht sagt.“ Gute Gastgeber hören schließlich nicht nur Wünsche. Sie hören Zwischentöne: einen Nebensatz beim Frühstück, eine beiläufig erwähnte Vorliebe oder eine Stimmung. „Nur vom Zuhören kann man etwas vom Gast erfahren“, sagt Sparer. „Vielleicht hört man die eine oder andere Vorliebe heraus oder erahnt Stimmungen."

„Ich habe hier mehr erzählt als in den letzten Jahren“

Wie viel es bedeuten kann, wenn jemand tatsächlich zuhört, hat Ellmenreich mit einem alleinreisenden Gast erlebt. Anfangs sehr zurückhaltend, begann dieser nach einigen Tagen, kleine Geschichten zu erzählen – beim Frühstück oder bei zufälligen Begegnungen im Haus. Beim Abschied sagte er schließlich: „Ich habe hier mehr erzählt als in den letzten Jahren.“

„Man betreut Menschen nicht nur, sondern begleitet sie ein Stück“, sagt Ellmenreich. „Aus Gästen werden manchmal Stammgäste – und aus Stammgästen fast so etwas wie alte Bekannte.“ Gerade in den historischen Häusern von Historic South Tyrol gehört diese Form der persönlichen Gastfreundschaft zur Geschichte der Häuser. Wo manche Familien seit Generationen Gäste empfangen, werden eben nicht nur Gebäude und Traditionen weitergegeben, sondern auch Erinnerungen an Menschen und Begegnungen. Auch Sparer schätzt genau diese Nähe: „Es ist schön, wenn Gäste sich öffnen und merken, dass man zuhört, weil es einen wirklich interessiert – und nicht nur, weil man sollte.“

Florian Ellmenreich mit Gast an der Hotelbar im Historic South Tyrol Hotel Adria
Florian Ellmenreich mit Gast an der Hotelbar im Historic South Tyrol Hotel Adria

Kann man Zuhören lernen?

„Ich glaube, das ist Typsache. Aber man kann sich sicher verbessern“, sagt Sparer. Sie selbst beobachte Menschen gerne: „Da ist Zuhören ähnlich.“ Ellmenreich sieht es vor allem als Haltung: „Man muss bereit sein, sich zurückzunehmen. Und das ist im Alltag gar nicht so selbstverständlich.“ Im mehr als hundert Jahre alten Hotel Adria versucht er, genau das auch seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu vermitteln. Denn Begegnungen entstehen nicht nur durch Worte, sondern häufig durch das, was dazwischenliegt: ein Blick, ein Nebensatz, ein unausgesprochener Wunsch.

Ist Zuhören der neue Luxus?

Schauberger beschäftigt sich in ihrem Buch auch damit, was Schnelllebigkeit, Einsamkeit und unsere immer kürzere Aufmerksamkeitsspanne mit unserer Fähigkeit machen, anderen wirklich zuzuhören. Ellmenreich beobachtet im Hotelalltag ebenfalls, dass Gespräche schneller und häufig oberflächlicher geworden seien. Sparer hingegen sieht keine grundlegende Veränderung.

Vielleicht bekommt damit auch Luxus im Urlaub eine neue Bedeutung: Nicht nur das größere Zimmer, der spektakuläre Pool oder das perfekte Design. Sondern ein Gegenüber, das sich an einen Nebensatz erinnert. Das eine Stimmung wahrnimmt. Und das manchmal einfach zuhört. „Echte Gastfreundschaft entsteht erst dann, wenn man versteht, wer vor einem steht“, sagt Ellmenreich. Und dafür muss man nicht immer mehr sagen. Manchmal muss man einfach besser zuhören.

Anja Schauberger, Journalistin & Autorin

„Besser zuhören – Warum eine scheinbar einfache Sache doch so schwer ist“ von Anja Schauberger erschien am 19. Juni 2026 bei Rowohlt Polaris. Auf 272 Seiten geht die Journalistin der Frage nach, was gutes Zuhören ausmacht, warum es uns zunehmend schwerfällt und was sich verändert, wenn wir unserem Gegenüber wieder echte Aufmerksamkeit schenken.


Paperback, 272 Seiten, 18 Euro
Rowohlt Polaris | ISBN 978-3-499-01900-5

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